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Von der einfachen Biertischidee zum größten Volksfest Ostdeutschlands: 140 Jahre feiern in vielen Varianten

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Ortschronist
Dr. Baldur Martin
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Website:www.heimatverein-werder-havel.de

Blütenfest als Tradition?

Stand: Juli 2020

Wie soll das Baumblütenfest aussehen? Gibt es eine Tradition, die sich wie ein roter Faden durch die über 140 Jahre zieht? Jetzt, wo sich die Stadt daran macht, das jahrzehntelang „größte Volksfest Ostdeutschlands“ neu auszurichten, beschäftigt diese Frage viele.

Einer, den dies nicht mehr ruhen ließ, ist Heimatforscher Dr. Baldur Martin, der dieses Jahr seinen runden 80. Geburtstag feiern konnte. „Ich habe in meinen Unterlagen geforscht und herausgefunden, dass die einzige Tradition dieses Fests ist, dass es seit 1879, als es zum ersten Mal stattfand, jedes Jahr viele Betrunkene gab“, resümiert er.

Schummelei beim Obstwein?
Das Fest ist auf eine Initiative des 1878 gegründeten Obstbauvereins und dessen Mitglied Wilhelm Wils zurück­zuführen. Es ging darum, den Obstwein, der aus Ernteüberschüssen als „Abfallprodukt“ entstand, gewinnträchtig unters Volk zu bringen. Die Idee schlug zur Verblüffung des Vereins sofort ein. Beim ersten Fest kamen sensationelle 50 000 Besucher, davon die meisten Berliner, in die kleine Stadt vor den Toren von Potsdam. Zur Jahrhundertwende gab es hohen Besuch: Kronprinz Wilhelm von Preußen erschien am 16. Mai hoch zu Ross und inkognito in Werder. „Ein Jahr zuvor waren es bereits am ersten Sonntag 40 000 Gäste“, hat Dr. Baldur Martin aus den Unterlagen ermittelt. Damals gab es immer wieder heiße Diskussionen über Schummeln beim Obstwein.
So hatte die Polizei bei Lebensmittelkontrollen herausgefunden, dass diverse Pressungen mit Salicylsäure versetzt waren!

Großgaststätten
Gefeiert wurde nun in den Großgaststätten mit eigenem Schiffsanleger, von denen heute noch die Bismarckhöhe und die Friedrichshöhe erhalten sind. Bereits 1907 spricht der Arzt Dr. Magnus Hirschfeldt von einem „Trinkerfest ersten Ranges“ und schimpft: „Ich habe noch nie so zahlreiche und schwer Betrunkene gesehen.“ In diesem Jahr beginnt eine neue Tradition, die des Kirmes. Unter dem „Dach“ einer „Allgemeinen Ausstellung zur Zeit der Baumblüte“ gibt es zwischen Eisenbahnstraße und Havel einen Monat lang Volksbelustigung mit Karussell, Schießbuden Zurschaustellungen und Verkaufsständen. Dennoch schrieb man erst mal Verluste.
Im Kriegsjahr 1914 platzte Werder wohl aus „allen Nähten“, es ist von „Hunderttausenden, die per Bahn kamen“ und vollen Dampfern der Kreisschifffahrt die Rede.

Wachsende Empörung
In den „Goldenen Zwanzigern“ wird das Baumblütenfest zum Frühlingsfest der Berliner, mit entsprechenden Auswüchsen. So zitiert Dr. Martin den SPD-Stadtverordneten Nikolaus Osterroth, der sich über „das schamlose Treiben betrunkener Männer und Frauen“ erregt, die „wie Tiere in Viehwagen verladen“ worden seien. 1929 kommen 60 000 Besucher, „aber nicht mehr der Mittelstand, sondern vorwiegend junge Leute“, fand Dr. Baldur Martin heraus.

Eigene Tracht
1933 dampfte die Reichsregierung mit SS- und SA-Führern zum „Mittagsmahl“ in der Friedrichshöhe an. „Der Gauleiter fand das Treiben wohl wenig passend und verlangte mehr Brauchtum. Das Fest wurde 1934 zum ‚Kirschfest‘ mit Königin und König, was dem Ortsbauernführer zufiel. Der damalige Bürgermeister Dr. Walter Bredfeldt ordnete an, dass eine speziell entworfene Tracht von allen Verkäuferinnen zu tragen wäre“, hat Dr. Martin weiter erfahren. Mit der Ablösung des unbeliebten NS-Bürgermeisters wegen einer Finanzaffäre 1935 versinkt die ebenso unbeliebte Tracht in der Versenkung.

Nur einmal nüchtern!
Im Kriegsjahr 1942 ging es beachtlich gesittet zu: Selbst ohne Obstwein kamen noch 25 000 Besucher, die wohl ausnahmsweise nüchtern die Blütenpracht genießen konnten. 1945 gab es kein Blütenfest, hingegen am 2. Mai den Einmarsch der Sowjet­armee. Die Russen allerdings waren keine Kostverächter als sie im Keller von Obstzüchter Fritz Heidemann Obstwein fanden. Um schlimmeres zu verhindern, gießt er tags darauf den Rest in den Garten.

Plötzlich abgelegen
In der DDR gibt es für das Frühlingsfest einen Neu­anfang per „Technik-Ausstellung“. 1961 kommt es im Rahmen der „Woche des Havelländischen Obstbaus“ zu einer Traktoren- und Maschinenparade. Doch so richtig in Fahrt kommt das Fest nicht. Obstwein ist in der staatlich gelenkten Wirtschaft nicht erwünscht und Werder schlecht erreichbar, da man den Ring um Westberlin fahren muss. „Die Anbaugebiete um Frankfurt (Oder) lagen jetzt näher“, erklärt Dr. Baldur Martin.
„Die Baumblüte wurde als lokales Volksfest begangen, was in Werder kaum interessierte.“

Krawall und Sicherheit
„1977 kam es in der Friedrichshöhe zu erheblichen Krawallen. Als Konsequenz wurde das Fest 1978 auf die Insel verlagert. Dort gibt es nur einen Zugang, was sich gut kontrollieren lässt. Wir waren die bestbewachte Stadt: Helfer der Volks­polizei, Polizeiwache, Bahnpolizei, Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei, Bereitschaftspolizei aus Eiche, Staatssicherheit und Nationale Volksarmee patroullierten bei uns“, erinnert sich Dr. Baldur Martin.
Ein Jahr später wird der 100. Geburtstag des Fests mit einem opulenten Umzug gefeiert und das Jahr darauf deswegen einfach ausgelassen.
In der Folge gibt es kleinere „Volksfeste der werktätigen Gärtner“ mit „Estraden­konzert“, also Schlager- und Unterhaltung im Kulturraum von Havelobst. Zudem finden Zeichenwettbewerbe und Sport­veranstaltungen statt. Nun wurden zusätzlich zu denprivaten Erzeugnissen die „staatlichen“ Obstweine „Kavalier“ und „Domino“ mit ausgegeben.

Immer größer
1989 wird Jana Mußfeld „Blütenkönigin“. Der Neu­beginn nach der Wende startete unter Ägide des Karnevalsvereins, der 1990 zu einem Gala-Blütenball einlud. Die Stände wurden vorwiegend an die B1 für die Westberliner verlegt. Schon 1992 artet das Fest aus: 300 000 Besucher, zwei Tote, 21 Schwerverletzte, schwere Gewaltausbrüche. Die Bewohner fühlen sich in der eigenen Stadt nicht mehr sicher!
1999 kommt mit Ministerpräsident Manfred Stolpe und Jörg Schönbohm viel Prominenz in die Havelstadt. Frank Schöbel ist Stargast. Zwei Jahre später erscheint Stolpe nochmals zum „Brandenburgischen Volksfest“, für Stimmung sorgen die Puhdys. Während Stadt und Obstbauern sich viel einfallen lassen, um ihre Kultur vorzustellen, setzt die Veranstaltungsagentur auf noch mehr Rummel um noch mehr Besucher zu erreichen.
2006 sind 205 Musiker mit 85 Auftritten auf neun Bühnen angesagt sowie 450 Schausteller und Händler!

Jubiläum beim Heimatverein
„Es gab immer ein Auf und Ab, oft historisch bedingt. Das Fest sollte jetzt in kleinerer Form weitergeführt werden“, fasst Dr. Martin zusammen. Er hat die Details in einer Broschüre herausgearbeitet, die von der Stadt Werder herausgegeben wurde und sehr gefragt ist.
Das kann beim jubiläumsträchtigen 30. Heimatheft ebenfalls schnell passieren, das kommendes Jahr pünktlich zum 40. Bestehen des von ihm maßgeblich mitinitiierten Heimatvereins erscheint. Dieser startete 1981 als „Interessengemeinschaft für Heimatgeschichte und Denkmalschutz“, wurde 1990 als „Heimat- und Verkehrsverein“ neugegründet. Mittlerweile heißt er nur noch „Heimatverein“ und wird ganz neu von Erhard Schulz bis zu den regulären Vorstandswahlen 2021 geführt. „Die Jubiläumsausgabe wird ein Doppelheft mit 128 Seiten voller spannender Einblicke und Porträts sein“, macht Dr. Baldur Martin jetzt schon neugierig.

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